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Tarifverträge und Lohn in der Branche - Ein Interview mit dem BDSW (Teil 2)

05.02.21 12:02 • Sophie Blumberg

Was müsste passieren, damit deutschlandweit gleiche Löhne bestehen? Und welche Rolle spielt die ver.di? Hier findet ihr den zweiten Teil von unserem Interview mit Martin Hildebrandt, dem stellvertretenden Geschäftsführer des BDSW.

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Was würden Sie rein hypothetisch sagen: Was müsste wirtschaftlich gesehen passieren, damit die verschiedenen Lohnhöhen der Bundesländer sich angleichen könnten?

Hier geht es um eine weitere Angleichung der wirtschaftlichen Bedingungen in den Bundesländern, aber das hat nichts mit dem Bewachungsgewerbe zu tun. Das ist einfach eine gesamtwirtschaftliche Entwicklung, die momentan immer noch nicht absehbar ist. Es geht ja nicht nur um ein Ost-West-Gefälle, es gibt ja auch teilweise ein Nord-Süd-Gefälle. Da müssten die wirtschaftlichen Bedingungen ähnlicher werden, als sie es derzeit sind. In einem Land mit unserem Föderalismus ist das relativ schwer zu erreichen.

Was würden Sie sagen, besteht bei den derzeitigen Tarifverträgen Konflikt- oder Diskussionspotenzial in Bezug auf die Unterschiede zwischen den Bundesländern?

Die Struktur des BDSW sieht vor, dass jedes Bundesland, jede Landesgruppe ein eigenes Gremium wählt, das über die Tarife verhandelt. Diese Tarifkommission agiert auf der Arbeitgeberseite im Auftrag der Landesgruppe. Ihr Augenmerk liegt auf dem Bundesland, für das sie gerade verhandelt. Dabei sind die Landesgruppen auf ihre Interessen bezogen, der Blick auf andere Landesgruppen ist zweitrangig. Dementsprechend ist es nicht Aufgabe der Landesgruppen, eine Angleichung der Bundesländer zu forcieren. Eine andere Sache wäre es, wenn wir bundesweit verhandeln würden, aber das ist im Moment nicht der Fall.

Können Sie erklären, inwiefern derzeit Probleme für die Verhandlungen in Hamburg oder Nordrhein-Westfalen bestehen?

Hier sind zwei unterschiedliche Dinge passiert. In Hamburg waren die Tarifverhandlungen schon abgeschlossen. In der Regel wird dann eine sogenannte Erklärungsfrist vereinbart. Das bedeutet, dass die Verhandlungsführer innerhalb dieser Frist klären müssen, ob die Organisationen, für die sie verhandelt haben, den Tarifvertrag, so wie er von der Kommission verhandelt wurde, auch annehmen. Das ist meistens auf beiden Seiten der Fall. In Hamburg ist der sehr seltene Fall eingetreten, dass die Gewerkschaft während der Erklärungsfrist den Abschluss abgelehnt hat. Deswegen müssen die Verhandlungen nun nochmal neu aufgenommen werden. Dazu wurde in Coronazeiten eine virtuelle Tarifverhandlung vereinbart. Dieser Termin wurde aber von der Gewerkschaft abgesagt und jetzt müssen wir gucken, wie wir damit umgehen und wie ein nächster Termin zustande kommt. In Nordrhein-Westfalen sind die Tarifverhandlungen derzeit vertagt, es ist noch nicht zu einer Einigung gekommen.

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Wie tief steckt aus Ihrer Perspektive heraus ver.di in der Materie drin, wie tief ist das Wissen über das Sicherheitsgewerbe an sich?

Ich denke schon, dass unsere Verhandlungspartner wissen, worüber sie reden. Die beurteilen das natürlich aus einer ganz anderen Perspektive als wir als Arbeitgeber tun. Aber die Tarifkommissionen bestehen aus Praktikern. Sie werden von einem hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionär als Verhandlungsführer angeführt, aber die Mitglieder der Tarifkommissionen sind Mitarbeiter aus dem Sicherheitsgewerbe. Die wissen natürlich, worüber sie reden. Sie beurteilen viele Dinge anders, weil sie an einer anderen Stelle im Arbeitsablauf sitzen als die Arbeitgeber. Aber fachkompetent für ihren Bereich – das sind sie mit Sicherheit.

Oftmals ist es vielleicht der Fall, dass viele Sicherheitsdienstleister gar nicht unbedingt so dafür kämpfen, dass die Löhne steigen, da das ja den Kunden vermittelt werden muss. Da habe ich mich gefragt, ob da nicht manchmal die Gefahr besteht, dass der Kunde stattdessen weniger Sicherheitskräfte engagiert?

Der Unternehmer, der eine Sicherheitsdienstleistung anbietet, muss das zu einem bestimmten Preis tun. Er befindet sich im Wettbewerb mit anderen und muss einen Preis anbieten, zu dem er eine Ausschreibung gewinnen kann. Bei den Auftraggebern herrscht leider in sehr vielen Fällen immer noch die Meinung vor, dass eine Sicherheitsdienstleistung billig und trotzdem gut sein kann. Daraus darf sich aber keine Billigvergabe ergeben. Und das passiert heutzutage immer noch zu oft, dass der billigste Anbieter den Auftrag bekommt. Derjenige, der sich an die Tarifverträge hält, ist damit automatisch im Nachteil. Je höher die Tariflöhne sind, umso mehr ist er im Nachteil, was damit enden kann, dass er keine Aufträge mehr erhält und letztendlich seine Mitarbeiter entlassen muss. Und damit ist am Ende niemandem geholfen, auch mit höheren Löhnen nicht. Hier muss das Bewusstsein wachsen, dass eine Sicherheitsdienstleistung ein Qualitätsprodukt ist, das auch entsprechend bezahlt werden muss. Aber Sicherheit sieht man oft nicht. Oft bedeutet gute Sicherheitsdienstleistung, dass man sie nicht bemerkt. Da versuchen wir als Verband seit Jahren immer wieder Aufklärungsarbeit zu leisten und mit Öffentlichkeitsarbeit und Informationen das Thema ins Bewusstsein zu bringen. Wir müssen dahin kommen, dass eine Sicherheitsdienstleistung eine Dienstleistung ist, die zu hoher Qualität und mit gut ausgebildeten Mitarbeitern erbracht werden muss.

Besonders bei Facebook haben wir oft Kommentare von Mitarbeiter/innen der Sicherheitsbranche, die unzufrieden mit den Löhnen sind. Was würden Sie da gern mit auf den Weg geben?

Ich lese auch auf Social Media die Kommentare, die auf unsere Meldungen geposted werden und verstehe die Sicht jedes Arbeitnehmers, der sagt: Ich möchte mehr verdienen. Die wirtschaftlichen Zwänge, denen die Unternehmen unterliegen, sind aber häufig nicht so einfach abzusehen. Und ich glaube schon, dass die Unternehmen wissen, dass die Mitarbeiter diejenigen sind, die die Dienstleistungen durchführen und dass sie das auch respektieren. Es nützt niemandem etwas, wenn der Tarifvertrag schön hoch abgeschlossen wird und die Unternehmen dadurch in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, weil sie die Preise nicht durchsetzen können. Da hat keiner etwas davon, weder die Unternehmen noch die Arbeitnehmer. Wenn man sich die Vergangenheit anguckt, hat das Sicherheitsgewerbe nach den Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamts zu urteilen in den letzten 10, 15 Jahren große Tarifsprünge gemacht. Ich kann mich noch an Tariflöhne von 6 Euro erinnern. Davon sind wir heute glücklicherweise weit entfernt. Wir sind ein gutes Stück über dem gesetzlichen Mindestlohn – für eine Tätigkeit, für die oft nur die Unterrichtung bei der IHK notwendig ist. Wir sind kein Hochlohnsektor, aber ein richtiger Niedriglohnsektor sind wir auch nicht mehr. Wir sind auf dem richtigen Weg, wobei wir die mittel- und langfristigen Auswirkungen der Pandemie noch nicht absehen können. Wir haben in den letzten Jahren immer Lohnerhöhungen vereinbart, die über dem Durchschnitt lagen, da wir als Branche auch Interesse daran haben, eine gute Tarifentwicklung zu erreichen. Es ist nur nicht immer so einfach, wie man sich das vorstellt, wenn man nicht im Tarifgeschäft drin ist.

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Sophie Blumberg

Seit Februar 2020 unterstützt Frau Blumberg die SECmarket tatkräftig als Head of Content in den Bereichen Contenterstellung, Social Media und Public Relations. Sie bringt Erfahrung, Motivation und Engagement mit in ihre Position. Das Schreiben ist ihr Element, ob Blogbeiträge, Posts oder wissenschaftliche Beiträge - alles ist möglich!